Eine Organisation baut Brücken.

Eine Organisation geht, doch die Botschaft bleibt

Zum ersten Juli 2018 stellt IrespectU seine Tätigkeit ein und geht in die Liquidation. Ein sehr persönliches Fazit der Gründerin, nach 8 Jahren IrespectU und 15 Jahren vollzeitlichem und ehrenamtlichem Engagement für mehr Respekt zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft.

„Der Wille, Gutes zu tun, reicht nicht aus. Was ist Deine zentrale Botschaft an die Menschen Israels und des Nahen Ostens? Was kannst Du ihnen geben, was sie dringend brauchen?“ Diese Aussage, getroffen von einem guten Freund, der schon viel länger in der Region tätig war als ich, forderte mich heraus. Und so entstanden vor acht Jahren der Name und das ganz besondere Konzept von IrespectU.

Fünf Jahre lang hatte ich zuvor in Jerusalem gelebt und den Alltag der Menschen zwischen ansteckender Lebensfreude und mehr oder weniger latenter Anspannung geteilt. Sie alle hatten, trotz unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds, eines gemeinsam: Sie fühlten sich oft missverstanden, reduziert auf ihre Herkunft. „Die Juden“ oder „die Araber“ ... es ist leicht, eine anonyme Masse zu hassen, besonders in einem spannungsgeladenen Umfeld. Und vom Rest der Welt fühlten sie sich oft nur als Teil des Problems „Nahostkonflikt“ wahrgenommen.

Im täglichen Miteinander wurde mir klar: Die Botschaft „I respect you war mehr als willkommen in diesem Umfeld und musste zur DNA der Organisation werden, sie sollte sich als roter Faden durch die Aktivitäten ziehen. So bekamen zum Beispiel Teenager aus einem Kibbuz durch Foto-Workshops in Kooperation mit dem Peres Center for Peace Gelegenheit, sich mit den Jugendlichen eines benachbarten arabischen Dorfes auszutauschen. Und siehe da: Der oder die „Andere“, mit dem so ungewohnten Outfit, hatte ganz vertraute Interessen und Probleme. Es fasziniert mich bis heute jedes Mal, welche Kraft in der persönlichen Begegnung steckt, wenn Vorurteile abgebaut werden sollen.

Und eine andere Frage trieb mich um: Wie konnten wir die Vielfalt der israelischen Gesellschaft sichtbar machen, um Stereotype zu bekämpfen? Unsere Antwort: Wir drehten Kurzfilme. Der jüdisch-ultraorthodoxe Vater von 9 Kindern, die arabische Krankenschwester, der drusische Geistliche, der armenische Fotograf ... Sie alle bekamen eine Stimme und ein Gesicht, sprachen von ihren Träumen und Sorgen. Selbst Israelis brachten die Filme zum Staunen. Noch heute haben alle Protagonisten für mich eine ganz besondere Schönheit, gespeist durch ihre Ehrlichkeit und Authentizität.

In Deutschland waren es besonders die unzähligen Auftritte in Schulen, auf die wir unsere Hoffnung setzten, in unserem Bestreben nach Veränderung. Wie oft sind wir beladen mit technischen Geräten, den Bestandteilen eines freitäglichen Shabbatmahles, Körben mit den 7 Früchten Israels und anderem Anschauungsmaterial frühmorgens auf einem Schulparkplatz gestanden? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Aber dass die Schüler fast immer mit viel Freude bei der Sache waren und diese Requisiten aus einer anderen Welt neugierig in Augenschein nahmen und ausprobierten, das kann ich Ihnen versichern. Mehr Verständnis erleichtert den respektvollen Umgang, das ist mein Credo bis heute.

Und wir haben noch soooo viel mehr gemacht ... Stöbern auf der Website ist erlaubt und erwünscht! Mein herzlicher Dank geht an dieser Stelle auch ans unermüdliche Team der zumeist Ehrenamtlichen, ohne das all diese Aktivitäten nicht möglich gewesen wären. Kreative Ideen zu Logo und Gestaltung der Website mussten her? Bei der Anreise zur Schulpräsentation herrschte Schneechaos? Der Beamer hatte einen Kabelbruch? Irgendwie kriegten wir als IrespectU-Dreamteam alles gewuppt!

Aber ganz sicher war IrespectU auch mehr als sie Summe seiner Projekte. Gerade im ganz persönlichen Rahmen durfte ich erfahren, dass ein respektvolles Miteinander der Kulturen funktionieren kann. Ich habe es immer als besonderes Geschenk empfunden, wenn Menschen sich geöffnet haben, und mich an ihrem Leben teilnehmen ließen. Wie zum Beispiel die besten Nachbarn der Welt, die jüdisch-orthodoxe Familie, die in Jerusalem gleich auf der Etage unter mir wohnte, in allen Lebenslagen hilfsbereit und herzlich. Beinahe jeden Freitag kam die Nachbarin nachmittags zu mir nach oben, um mir zwei kleine Challot zu bringen, das Schabbatbrot, das sie als gute jüdische Hausfrau, begleitet von Gebeten, jede Woche selbst zubereitet. Es war auch immer noch Zeit für einen kleinen Schwatz über Neuigkeiten aus der Familie oder der Nachbarschaft. So habe ich viel über ihre Lebensweise erfahren und durfte sehen, mit wie viel Freude und Überzeugung sie religiöse Regeln lebt, die sie ganz natürlich und mit viel Hingabe an ihre Kinder weitergab.

„Ihr gehört doch zur Familie!“ Nie habe ich diesen Satz als so wahr empfunden wie beim Sedermahl zu Beginn des Pessachfestes, zu dem ich wiederholt zusammen mit meinem Mann bei langjährigen Freunden in Tel Aviv geladen war. Liebevoll begrüßt und ganz selbstverständlich in den Ablauf des Abends integriert, haben wir beiden Christen genau wie die Familienmitglieder reihum aus der Pessach-Haggada gelesen. Auch dass wir statt auf Hebräisch auf Englisch lesen mussten, geriet zur Nebensache. Und natürlich traten wir bepackt mit hausgemachten kulinarischen Köstlichkeiten die Heimreise an, die uns die über 80-jährige Mamma bei der Abreise in die Hand drückte. Nach einem fetten Schmatz auf die Wange und nicht ohne uns noch einmal energisch einzuschärfen, dass wir zu jedem, aber auch wirklich j-e-d-e-m Schabbatmahl oder Festtagsessen willkommen wären. Es gibt viele Wege, Respekt auszudrücken. Im Nahen Osten tut man es sehr oft durch Gastfreundschaft oder durch die Teilhabe an Festen und Ritualen.

Auch die junge Araberin muslimischen Hintergrunds, die Mitarbeiterin eines Projekts, die mich immer lange umarmte, wenn wir uns begegnet sind, hat mich einmal sehr gerührt. „Pass besonders gut auf meine Freundin auf“, schärfte sie dem arabischen Taxifahrer ein, der mich von Tel Aviv nach Jerusalem bringen sollte. Auch sie hat mich in intensiven Gesprächen an ihrem Leben als junge arabische Mutter in Israel teilhaben lassen in einer Offenheit, die mich bewegte.

Alles Kleinigkeiten? Ja, vielleicht. Mir haben sie immer sehr viel bedeutet, genauso wie der wöchentliche Schwatz mit Alexander auf seinem Balkon. Ein über 90-jähriger jüdischer Überlebender des Holocaust und eine deutsche Nichtjüdin, die Freunde wurden, eigentlich unglaublich. All das machte mir Hoffnung: Es kann gelingen mit den respektvollen Beziehungen, auch über kulturelle Grenzen und historische Vorbelastungen hinweg!

Eine Organisation, die versucht, in einem politischen Krisengebiet nicht nur eine Seite im Blick zu haben, sondern Begegnung zu vermitteln, hat keinen leichten Stand, auch das will ich nicht verhehlen. Doch für mich gehörte auch das zur DNA von „IrespectU“: Die Seite des „Anderen“ ins Spiel zu bringen, zum Perspektivwechsel einzuladen. Besonders inspiriert haben mich dabei Vorkämpfer wie Shimon Peres, den ich mehrfach persönlich treffen durfte. Auch ein besonderes Meeting mit Norman und Gidona, dem arabisch-jüdischen Ehepaar und den Gründern des Elmina Theaters, im letzten Gazakrieg wird mir wohl immer in Erinnerung bleiben. Da saßen wir im Hafen von Jaffa, unmittelbar nach einem Aufenthalt im Schutzraum aufgrund eines Raketenalarms, und träumten gemeinsam davon, nach dem Krieg Kinder aus Gaza mit israelischen Kindern zusammen zu bringen! Ganz nach dem Motto: Aufgeben ist keine Option!!

Ich werde jedenfalls der Botschaft IrespectU immer persönlich verbunden bleiben. Sie gehört zu meinem persönlichen Leben dazu, selbst wenn die Zeit der Organisation zu Ende geht. Mein Engagement wird nur ein anderes Gesicht haben. Es freut mich dabei besonders, dass alle Projekte, die IrespectU zuletzt gefördert hat, auf soliden Füßen stehen und weiterbestehen können. Denn auch so kann gelten:

Eine Organisation geht, doch die Botschaft bleibt.

Yonatan mit Tochter, Kurzfilmserie MOSAIC

Vor dem Auftritt, Rana Chor

Prüfender Blick vor dem Auftritt, Rana Chor

Kevork und sein Pferd, Kurzfilmserie MOSAIC

Gespräch unter Freunden

Rania, Kurzfilmserie MOSAIC

Immer eine Inspiration, Shimon Peres

Challot, die Brote zum Shabbat

Teilnehmerinnen der Foto-Workshops

Coole Jungs am Strand von Tel Aviv

Markt Machane Yehuda, Jerusalem

Äthiopischer Mönch, Grabeskirche

Als Volontärin bei Yad LaKashish

Anbetung, Grabeskirche Jerusalem

Windows of Hope, palästinensische Stickerei